Die Ballade vom verkannten Bären

Nach Jörg Steiner (1930 – 2013): Der Bär, der ein Bär bleiben wollte

Der Text zur Geschichte vom Bären, der eine Bär bleiben wollte,
wurde von Otto Pötter in Form dieser Ballade verfasst (2026)

 

Bild: pixabay

 

Er lebte in den Wäldern, lebte frei und allein,
sein Zuhaus‘ ging von Hügeln bis ins Land hinein,
vom Bach bis an des Flusses seichte Senken,
die Gottes Seligkeit nobel verschenken.

Dort wusst‘ er um Schutz, kannte jeden Strauch,
die Forellenplätze ebenso auch.
Er liebte es, still im Grase zu steh‘n
und mit freiem Blick ins Weite zu seh‘n.

Da stand einst der Bär am Rande es Felds
und spürte bereits den Herbstwind im Pelz.
Wildgänse sah er am Himmel zieh’n,
dabei gähnte er müde, es fröstelte ihn.

Er tappte zur Höhle durch’s raschelnde Laub,
verscharrte den Eingang und dachte: „Ich glaub‘
es riecht schon nach Schnee“. So begann er brav,
als Bär, dort seinen jährlichen Winterschlaf.

Richtig, da fing es auch schon an zu schnei’n,
in des Bären Wald zog der Winter ein.
Ein eisiger Wind sang nachts im Geäst,
aber der Bär in der Höhle schlief warm und fest.

Indes kamen Werktätige in den Wald,
sie fällten Bäume, zogen Zäune, und bald
ragte, wuchtig mit hoher Wand,
eine Fabrik über der Höhle trotzig ins Land.

Der Frühling kam, und es erwachte der Bär,
ihm fiel in der Höhle das Aufsteh’n schwer.
Doch als er die Höhle verließ, Stück für Stück,
stand er ungläubig im Vorhof einer Fabrik.

Ein Pförtner kam gleich anmarschiert
und rief: „Nun tu schon was, kapiert?!“
Drauf rief der Bär: „Ich bin doch ein Bär!“
„Quatsch“ rief der Mann, „red‘ keine Mär!

Der Chef entscheidet, was Sache ist,
da lass nur deine eigene List!“
Der Chef schaute den Bären lange an,
bis dass er sich nun so besann:

„Wer du bist“, sprach er, stur „das ist mir egal,
Hauptsache du schaffst hier mehr als normal.“
Dann schubste er unsanft ihn hinaus,
und ein Manager ging ihm gleich voraus.

„Nicht länger hier nur mehr Gelaber,
dafür geht’s gleich im Laufschritt aber!“
Das wär‘ mit ihm ja schon zum Lachen!
Er werde ihm schon Beine machen.

„Und bist du ein Bär, so beweise das auch
und kratze dir nur nicht immer den Bauch!“
Im Zirkus gäb’s Bären und auch im Zoo,
doch hier in der Firma? Nirgendwo!

Also holte der Dienstherr, penibel und fein,
im Tierpark über ihn ein Gutachten ein.
Mit dem Firmenwagen ging’s in den Zoo,
um genau zu klären das Contra und Pro.

Dort schaute man höchst verwundert drein,
wer im Auto führ‘, könnt‘ ein Bär doch nicht sein!
So hieß es gutachterlich dort mit Gewähr,
es sei kein Bär, wer hinter Gittern nicht wär‘.

Auch die Tanzbär’n im Zirkus meinten mit Häme,
ohne Tanz er als Bär nicht in Frage käme.
Der Bär aber dachte: „Ich bin doch ein Bär.
Was sie machen mit dir, das ist doch nicht fair!“

Bei Gott und die Welt, da lief doch was schief!
Wo das Wahre verfällt, da stürzt man ins Tief.
Fehlt Herz und Seel‘ in den Formaten,
wird Wesenheit im Kern verraten.

Doch sollte er lachen, sollte er weinen?
Was könnt‘ er schon machen im Allgemeinen,
wo allein es nur hieß, so mit einem Zirp:
„Mein lieber Jemand, friss oder stirb.“

So fügte der Bär sich auch, ergeben,
als Fremder im eigenen Pelz zu leben,
lief in Arbeitszeug, wie man befahl,
selbst die Schnauze rasiert, schon bald zu kahl.

Er fügte sich ein und war in der Kette,
den anderen gleich eine Marionette.
Doch hatte er alles gut bald im Griff,
bis am Abend die Sirene dort immer pfiff.

Tags drauf ging’s weiter. Werkend stumm,
drehte der Bär so an Griffen herum.
Nur zu Mittag, wie war das doch schön,
durfte er auch durch den Fabrikzaun mal seh’n.

Blumen blühten hinterm Zaun,
bis sie im Herbst dort wurden braun.
Der Bär sah am Himmel die Wildgänse zieh’n,
dabei gähnte er, oh, es fröstelte ihn …

Doch je mehr er sich auch zusammennahm,
er wurd‘ müde und müder – der Winter kam.
Ihm taten vom Wachsein die Augen weh.
Am Zaun spürte er, es riecht schon nach Schnee.

Vor Ende der Schicht schlief er plötzlich ein.
Er hörte soeben den Chef da noch schrei’n:
„He, raus mit dir, du bist fristlos entlassen!“
Das konnte der Bär vor Freude kaum fassen!

Raus da, nur raus, wenn auch ohne Ziel,
bevor alsbald der Schnee gar schon fiel.
Sein Bündel geschultert, mit schleppendem Gang,
lief er dort so, recht einsam, die Straße entlang.

Mal zählte er Autos, dabei fiel ihm ein,
dass das nichts brachte, drum ließ er es sein.
Da sah er auch schon in der Ferne, hell,
in der Dunkelheit leuchten ein großes Motel.

Ermattet trat er an die Rezeption.
Dem Portier erschien das wohl schon als Hohn,
um rigoros ihm zu erklären:
„Es gibt kein Zimmer hier für Bären.“

„Was“, fragte der Bär, „was sagten Sie, Bär?
Dann bin ich ja doch nicht nur irgendwer!“
Doch eh mit der Polizei der Mann war verbunden,
war hastig der Bär schnell wieder verschwunden.

Er lief und lief, von Heimweh getrieben,
fernab in den Wald, von Sehnsucht zerrieben.
Es drängte ihn nur noch, zum Umfallen schwer,
zur Höhle hin – wüsst‘ er nur, wo sie noch wär‘ …

Da gewahrte er endlich sein Heimatgemach,
ihm schien’s noch vertraut, so nach und nach.
Er wagte hinein sich, oh, wie das befreite –
wobei es nun draußen schneite und schneite …

Der Bär dichtete sorgsam die Höhle ab.
Sanft sank er dann hin, wohlig müde und schlapp.
Er fühlte sich wieder geborgen als Bär
und wollte nun weiter auch gar nichts mehr …

 

Siehe hierzu auch das Lied vom Bär, der ein Bär bleiben wollte, von Reinhard Mey, aus dem Jahre 1977