Glaubenskraft ist Lebenskraft

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„Wer glaubt, kann nicht untergehen“, heißt es. Oder auch: „Der Glaube versetzt Berge“. Daran gibt es keinen Zweifel: Glaubenskraft ist Lebenskraft, weil darin Bejahung steckt. Und Liebe heißt: Jasagenkönnen. Liebe ist Bejahung und ihre Früchte sind Hoffnung und Zuversicht. Es sind die tragenden Glaubenselemente, die auf etwas hinweisen, was über uns selbst hinausweist und uns gerade dadurch gleichzeitig erdet. Wir hoffen, damit irgendwann gut anzukommen.

     Als Christen glauben wir, dass unser Leben auf ein Ziel hin ausgerichtet ist; wir sind zuversichtlich, mit unserem Leben letztlich bei Gott anzukommen. Wann? Wer weiß. Wie? Das ist nicht egal. Jedoch haben wir darauf heute schon Einfluss. Zwar wissen wir „weder den Tag, noch die Stunde“ (Matt 25,13), aber anzukommen, das setzt Zielklarheit und Eigenverantwortung voraus. Verantwortung heißt, „Antwort“ zu geben auf die mir gegebenen Lebensumstände. Keine Ausreden. Erst recht sind Lug und Trug existentielle Übel. Oder haben wir vergessen, dass jede Lüge ohnehin in Selbstbelügung gründet?  

     Gut anzukommen ist denn auch nicht „irgendwie, einfach so“ möglich, sondern in der ehrlichen Absicht, sich dem angestrebten Ziel unterzuordnen. Das bedeutet nicht, sich klein zu machen. Im Gegenteil. Wenn ich, gläubig, davon ausgehen kann, dass ich im Leben geleitet bin, muss ich auch bereit sein, in das Geleitetsein einzuwilligen, sonst bleibt alles nur Schall und Rauch. Indem sich aber der eigene Wille bereitwillig mit diesem „übergeordneten Willen“ (Gott) verbindet, erwächst aus dieser Synchronisation Zuversicht und Kraft. Voraussetzung dafür ist die Demut, kein Kleinmachen seiner selbst, sondern die Bereitschaft, über sich selbst hinaus Größeres anzuerkennen (religio = Rückbindung). Nur so ist ein bejahender Glaube möglich, der allen Anfechtungen standhält. Nur so ist auf Erden auch (ohne Augenwischerei) echte Verantwortung gegenüber der Schöpfung möglich und im Privaten Ehrlichkeit im Umgang miteinander, was letztlich die Vergebung mit einschließt.

     All das Lebensstärkende, was in den Zehn Geboten (Altes Testament, 2.Mos,20) und der Berg-predigt (Neues Testament, Mt 5,1–7,29) grundgelegt ist, kann im Leben nicht aufgeschoben werden. Insofern liegt in jeder Begegnung auch eine Wachstumschance und jeder Tag ist ein ganzes Leben. Glaube wirkt nicht hypothetisch, er will weder bei besonderen Gelegenheiten erhoben, noch nach eigenem Gutdünken aufgeschoben sein, nein, er will eingewoben sein im Hier und Jetzt.   

     Also nichts aufschieben. Schon gar nicht so Wichtiges wie die Liebe oder das Verzeihen. Tolstoi (1828 – 1910) sagt es unmissverständlich: „Liebe in der Zukunft gibt es nicht.“ Das gilt für alles, was uns wichtig ist (oder sein sollte): das gedeihliche Miteinander, der Glaube, Ehrlichkeit, die Liebe, das Verzeihen usw. Denn mit dem Tod endet jede Möglichkeit einer menschlichen Klärung. Das sollte uns jeden Tag neu bewusst sein.

     So ist auch die Chance einer gegenseitigen Vergebung irgendwann vorbei. „Und vergib uns unsere Schuld“ beten wir, „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Mit welcher Begrün-dung ließe sich das aufschieben? Wenn wir Gott um Verzeihung bitten, dürfen wir sie unserem Mitmenschen nicht verweigern. Mag sich auch der andere widersetzen, so kann ich ihm innerlich aber dennoch verzeihen (und wäre denn auch wieder mit mir selbst im Reinen, mehr kann ich schließlich nicht tun). All das macht nicht klein, es richtet auf, es macht uns aufrichtig und gelassen. Das bringt uns Gott näher. Die Beziehung zu Gott lässt sich ja nicht von der Beziehung zu den Mitmenschen trennen.

     Deshalb steht das Vaterunser im Mittelpunkt der Bergpredigt, in der Jesus uns klarmacht, worauf es hier und jetzt im Leben ankommt. Gleichgültigkeit, Unehrlichkeit, Egozentrik und Schuld entfremden einander und entfernen uns von Gott. Oft verschleudern wir dann unsere Lebenskräfte und sind „wie von Sinnen“. Jede Kraft aber, die nicht von oben her gesichert ist, stürzt irgendwann durch die eigene Wucht. Wenn Glaubenskraft Lebenskraft ist, bedingen beide einander. Fehlt es dem Tun an Besinnung und Zuversicht, mangelt es zugleich an einem guten Glauben. Darum auch sind Besinnung und Gebet lebensstärkend, ja, lebensförderlich.

    Die Evangelien bezeugen die Gebetstreue Jesu. Markus sagt: „Schon in der Morgenfrühe stand er auf und ging hinaus, um zu beten“ (Mk 1,35) Auch uns gilt heute das, was im Römerbrief steht: „Lasst nicht nach im Gebet!“ (Röm 12,12). Schieben wir es nicht auf. Gegen alle Verzweiflung ist nichts so hilfreich wie das Gebet; allein das Gebet stärkt die Glaubens- und damit auch die Lebenskraft. Es gibt keine bessere seelische Orientierung. Nur so bleiben Gott und Mensch sich nicht fremd, auch wenn Gott den Menschen von Anfang an durch und durch kennt.

     Gott aber ist heute vielen Menschen fremd geworden. Sie kreisen nur noch um sich selbst. Die Geschöpfe wenden sich ab von ihrem Schöpfer. Das kann letztlich nicht gut gehen. Die Zehn Gebote sind unbestechlich. Wer aber kennt sie noch? Es ist, als wiederhole sich der uralte Mythos, wonach der Mensch wie Gott sein wollte, dadurch aber am Ende alles zerbrach (Gen 3); so auch ähnlich verdeutlicht im Turmbau zu Babel (Gen 11,1-9) verdeutlicht. Es ist und bleibt so: Ohne Gott geht die Welt zum Teufel. Und alles beginnt mit Lüge, Eigensucht und Unversöhnlichkeit, alles, was im Widerspruch zur Liebe steht (1.Kor,13,1-3).

     Nicht von ungefähr stehen wir vor dem Dilemma, dass uns die Welt aus den Fugen gerät. Lug und Trug, Unversöhnlichkeit, Rassenwahn, Religionsfanatismus, Korruption, Umweltzer-störung, Klimawandel bis hin zum Artensterben (und wann wir selbst?), all das bestätigt die These von Dostojewski (1821 – 1881): „Eine Welt ohne Gott endet im Chaos.“ Mit anderen Worten:

   Ohne Glaubenskraft verkommt die Lebenskraft.        

©  Otto Pötter (2022)
Vorwort zum plattdeutschen Gebetbuch